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29.01.2018 11:18 Uhr in Kunst
Unternehmensmeldung

Die Kunst des Vergessens

Die Kunst des Vergessens Foto: Antje Hampe

Ein Essay von Antje Hampe

Ein guter Roman muss Bilder zum Klingen

Das Scheitern ist der Gegenwart immer vorweggenommen. Diese Erkenntnis lässt vermuten, dass alles nur in Vorbereitung bleibt.
Erinnerung – ein ständiger Prozess der Überarbeitung. Die Anpassung der Erinnerung an unsere aktuelle Biografie schließt Kränkung vorrausgegangener Übersetzungen mit ein.
Ein Zwischenraum entsteht in Differenz zwischen alter und neuer Fassung. Orte ohne Zeit, vielmehr eine Zeitgleichheit, erlauben, die Geschichte neu zu erfinden, während die andere noch parallel besteht.
Leben wird in Schichten aufgetragen, deren wörtliche Übersetzungen nie gelingen, da sie den Augenblick nur überbrücken und ihn somit obsolet machen.
Während die neue Schreibart Hoffnung auf Verständnis bringt, gilt es der alten als eigenständigem Wesen einen Platz einzuräumen.
Jede Einschränkung wird schließlich in Frage gestellt. Somit bietet Beschränkung Raum zur Entfaltung durch Negation.
Wir sind der Übersetzung ausgeliefert, also uns selbst, der Umgebung die uns hervorbringt und zu der wir werden. So begegnen wir uns auch als Opfer unserer eigenen Lesart.

Die Übergangsfrage zwischen den Übersetzungen lautet, bezogen auf das Narrativ:
„Ist das wirklich wahr?“
Die Antwort ist:
„Nein“.

Was bedeutet es, an der letzten großen Übersetzung zu arbeiten? Ist es wilde Fantasie oder die Nüchternheit der Gewissheit nicht genug Zeit mehr zu haben, die eigene Geschichte erneut zu erleben?
Würde ich aufwaschen während ich erinnere, oder erinnere ich während ich spüle? Was bedeutet dies für das Geschirr? Erinnern verhält sich zur Gegenwart wie altes Spülwasser zum Geschirr. Es stellt sich ab einem bestimmten Punkt die Frage der Entsorgung, möglichst bevor die Brühe kippt. Und landet so nicht das längst vergessene Wort wieder im Hades des Vorbewussten, aus dem wir es so mühsam geborgen haben?
Was treibt uns an die Vergangenheit mühsam zu entziffern, neu zu decodieren und in prosaischer Form wieder aufzulegen?
Nur der Wunsch, aus der Gegenwart heraus altes Land urbar zu machen, um eine Ernte einzufahren, die wir in Zukunft keineswegs verwenden, höchstens beschreiben und neu erfinden können, in der Hoffnung den frei gewordenen Grund zu besamen. Immer den Tod des Vergessens im Nacken. Im Feindbild verkannt und etabliert und wieder vergessen.
Eine Formel, die wir w i e d e r e r k e n n e n, die uns Bilder eingibt, die wir kennen, möglicherweise aber noch nicht entschlüsselt haben. Insofern ist jede Übersetzung frei. Fraglich ist nur, ob sie eine Resonanz erzeugt, die uns erinnern lässt. Übersetzen und Wiedererkennen passiert zwangsläufig im Körper und bedeutet das Getrenntsein im Intervall zu überwinden. Das Getrenntsein von der eigenen Geschichte und der der anderen, wohlwissend, dass schon die Übersetzung keiner Überprüfung standhält.

Ein guter Roman
muss Bilder
zum Klingen
(bringen)
: von denen wir
glauben

: sie einmal
gesehen
zu haben.

Ein Hinweis auf die Kunstfertigkeit des Gedächtnisses, die Kunst des Vergessens, die immanent in uns wirkt und Realitäten erschafft.

Wie markieren wir Wegstellen, an denen sich nichts sagen lässt im Kontrast zu jenen, an denen wir nichts zu sagen haben?

Die Tragik des Vergessens beruht in einem nicht unerheblichen Maße auf der Tatsache, dass auch die Geschichte anderer neu erfunden wird. Möglicherweise unter der Voraussetzung, dass es alles gibt, sich aber nicht alles einprägt, von dem was wir Erfahrung nennen.
Es bleiben also die Fragen:
„Was darf es für uns nicht geben?“
„Was davon wird es geben und was hat es schon immer gegeben?“

Die Kleinheit des Gedächtnisses besticht in der Vielfalt seiner Darstellungen.
Größe zieht uns nicht nur über das Maximale an.
Das Gegenteil ist ebenso der Fall.

Die Zen Variante der Erfindung, legt Schichten frei, die, werden sie nicht sogleich vergessen, uns maximale Einsicht in neue Erkenntnisse zu Teil werden lassen.
In der Begrenzung der Form liegt die Weite. Das Überwinden dieser Grenze ist immanent und wenn unmöglich, Ursache von Resignation.
Die Seiten zwischen den Augenblicken müssen Raum haben, um ihn als das erkennbar zu machen, was er ist: flüchtig.

Jedes Wort muss für sich alleine gehen lernen

Aus dem Kontext gesprungen und in der Gegenwart nur ob seiner Lückenhaftigkeit verständlich. Die Zeilen der Verlaufsform des Augenblickes an der richtigen Stelle zu brechen, bedeutet „Sehen lernen“. Zu begreifen, dass man sieht, während man auf das Sehen schaut.
Jedes Wort muss für sich alleine gehen lernen und das Begehren für die Interpunktion der Geschichte auslöschen. Interpunktion bedeutet Veränderung von Geschichte, während die Übersetzung erfolgt. Flüchtig in der Konsistenz beschreibt sie die Abhängigkeit einer sozialisierten Form und nimmt dem kollektiven Gedächtnis die Individualität.
„Wie viele Geschichten und wie viele Gedächtnisse gibt es?“
Brauchen wir möglicherweise nur eine, die eine Übersetzung und alles wäre für alle Zeiten gesagt? Wie verfahre ich mit dem Gedächtnis von morgen während ich versuche mich zu erinnern und inwieweit bildet mein Bemühen die soziale Plastik eines Gedankens, der die Wirklichkeit der Zukunft schon in der Rückschau formt.
Ist Vergessen, Selbstvergessen, der Gegensatz zur absoluten Verdichtung von Information über eine Welt, in der wir vermuten eine Geschichte zu benötigen?

Lockruf der Lehrstelle
fügt den
Zusammenhang.

Was konstatiert die Erkenntnis der Stille?

Die erinnerte Berührung bleibt
(beiläufig)
im Strudel
der Ereignisse
(ist sie)
: untergegangen

Teil einer Ausgrabungsstätte, deren Werkzeuge „Neue Welten“ abtragen und durch ein Sieb schürfen.
Den Schatz bergen, der uns durch die Finger rinnt und – Rückblende: als Goldstaub dem Abendhimmel entgegenfliegt.
Übersetzung erzeugt Nähe. Ist sie einmal hergestellt, will sie verwaltet, etabliert und in die passende Reihenfolge gebracht werden.
Kann die Übersetzung ohne metrische Form lebendig rezipiert werden oder bleibt uns die Lücke im Zeilenbruch einer löchrigen Geschichte, als Pflaster auf der Nahtstelle einer auseinanderdriftenden Plattentektonik?
Die Bedeutung von einst hat sich bei genauer Betrachtung geschichtlich überlebt, ist aber dennoch der Ursprung von etwas, was wir möglicherweise gern vergessen oder wenigstens umgeschrieben hätten und im Kollektiv übersetzt und erzählt, nicht mehr weg zu erinnern ist.
Wie verhält sich Gedächtnis zur unerwünschten Randbemerkung, die das fertige Manuskript persifliert?
Wo erfinden wir Mythos? Vor oder nach dem Geschirrspülen, oder ist er dort zu finden, wo der Aussatz trichterförmig in die Tiefe verschwindet?
Einen Satz zu schreiben, den das Leben noch nicht ausgewaschen hat, ist die Triebfeder der Kunst des Vergessens.
Im Vergessen träumt sich das neue Wort an seinen ursprünglichen Platz zurück.
Erinnerung produziert sich selbst in „Zeiten der Verrohung“, während das Begehren danach etwas zu erschaffen, verschwindet.
So suchen wir nach flüchtigen Elementen der Übersetzung, da sie sich in der Kürze der Diagnostik entziehen, während wir weiter den Jahreszeiten unterworfen bleiben.

Apokalypse
in den Nachrichten der Welt
und Laub
fällt
vom Baum

Leben besteht aus schwer zu denkenden Ko-Prioritäten. Oftmals ist ein Weg der Mitteilung ein Umweg, während das Außen Druck auf das Innen eines Systems ausübt.
Das Flüchtige ist keineswegs zart, täuscht Zartheit nur an und bildet später den Zusammenhang geschlossen ab.
Wie kann ich in der Übersetzung nachträglich Bilder, Stimmungen und Gefühle evozieren, die verstummt erscheinen, während sie erlebt werden?
Nicht auszusprechen vielleicht, weil ein Teil von ihnen nie passiert ist, sich aber im Kontext einer ganz spezifischen Übersetzung einstellt.
Ungelebtes Leben tritt an die Stelle vergessenen Lebens und bildet Grundlage einer Sozialisation nachfolgender Generationen.
Es bleibt die Sprachlosigkeit als äußerste Grenze der Macht von Sprache.
Sprache also, als Grundlage für die „Kunst des Vergessens?“
Was aber geschieht, wenn sich das Vergessen in Sprachlosigkeit verliert und daraus eine neue Form des Vergessens entsteht?




Antje Hampe, Lyrikredaktion, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Yogatrainerin, Dozentin in der Erwachsenenbildung.

Link zum Video "Die Kunst des Vergessens"
in neuem Fenster öffnenhttps://www.youtube.com/watch?v=yjwbDuz6XhE

Die Februarausgabe der eXperimenta beschäftigt sich mit dem Thema: "Die Kunst des Vergessens"

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