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13.03.2018 16:18 Uhr in Kultur und Gesellschaft
Unternehmensmeldung

Schattenreise

Schattenreise Abbildung

Die Poesie der Gestalt

Ein Auszug aus Annette Rümmeles neuem Buch


Lange bevor ich die dunklen Schatten erkannt hatte, begann meine innere Reise in die Vergangenheit. Seit dem Tod meiner Mutter war viel Zeit vergangen. Immer wieder kramte ich die „Briefe gegen das Vergessen“ hervor. Das war mein Versuch, die schwindenden Erinnerungen und die fortschreitende Demenz meiner Mutter aufzuhalten. Viel zu spät hatte ich damit begonnen, ihr wichtige Fragen zu stellen. Meine Mutter konnte nicht mehr antworten. Ich vermisste ihre Klugheit und ihren Schutz. Mein Zuhause, mein Elternhaus war zu einem Museum zusammengeschrumpft. In diesem veralteten Ambiente residiert Vater, ein Greis. Ohne Hilfe, hilflos, allein, doch nach wie vor groß im Kommando. Aus dem Wohnzimmer, von fleißigen Heinzelfrauen stets sauber und gepflegt gehalten, durfte nicht einmal ein Buch aus dem Regal genommen werden.
„Das bleibt alles beieinander, Rosa. Du bekommst später so und so alles.“ Das war der Befehl eines Vaters an seine Tochter.
Der einst prächtige Flügel, wunderbar gespielt und zum Leben erweckt von Mutter, blieb immer verschlossen. Nicht einmal einen Klavierstimmer durfte ich kommen lassen.
„Es kann ja keiner spielen!“ entschied Vater.
Es durfte niemand spielen. Das war die Wirklichkeit. Früher nahm ich heimlich Klavierstunden. Gerne spielte ich kleine, klassische Stücke. Doch in den Lichtkreis der begabten Mutter durfte niemand treten. Auf gar keinen Fall nach ihrem Tod.
„Es kann ja keiner spielen, Rosa“. Immer wenn Vater diesen Satz aussprach, schloss ich automatisch die Augen, um Ruhe zu bewahren. Vater war gestürzt und lag im Krankenhaus. Seine Lebensgefährtin hatte mich sofort angerufen:
„Komm schnell Rosa, er fragt nach dir!“ Ihr Ton klang fordernd, wie immer unterschwellig vorwurfsvoll. Ich war überrascht, ja beinahe verärgert über die Dringlichkeit, mit der ich hierher bestellt worden war. Es ging ihm bereits wieder recht gut. Seine herausfordernde Art, seine Anzüglichkeiten gegenüber den Pflegerinnen. Es war peinlich. Ich erkannte ihn nur schwer, alles schien fremd. War er schon immer so? Hier im Krankenhaus konnte ich nichts tun, würde ein paar Tage in meinem Elternhaus verbringen.
Das Haus war dunkel und leer. Ich eilte durch alle Zimmer und riss einige Fenster auf, um den Geruch nach Alter und Krankheit zu vertreiben. Vaters Bett war benutzt. Nur ein kleiner Blutfleck auf dem Teppich erinnerte an seinen Sturz. Der Bettvorleger war zur Seite gerollt. Darüber ist er wohl gestolpert. Sonst schien alles perfekt aufgeräumt. Fast als würde seit langem niemand mehr hier wohnen. Hier regt sich nur eine Putzfrau, die ab und zu die Spinnweben von den Wänden fegt und imaginäre Krümel vom Teppich saugt. Rosas Vater war noch nicht tot, doch bereits ein schmaler Schatten seiner selbst. Sein Haus, ein heiliger Gral. Der Schrein eines Greises. Er sitzt darauf. Besitzergreifend, hartnäckig, bewachend.
Später stieg ich die Treppe hinauf und betrat das Zimmer meiner Mutter. Hier waren alle Möbel mit Tüchern abgedeckt. Das Bett war frisch, aber lange nicht benutzt. Es roch nach Alter und Vergreisung. Eilig öffnete ich die Balkontüre. Klare Abendluft drang herein. Tief durchatmen. Licht anschalten, Schattengeister vertreiben.
Ich beschloss, mich hier einzuquartieren.
„Längst hätte ich mich um den Nachlass meiner Mutter kümmern müssen,“ dachte ich laut. „Wer weiß wer hier alles schon herumgeschnüffelt hat.“ Resolut zog ich das Tuch vom Schreibtisch. Ein Fach war verschlossen, alle anderen ließen sich leicht öffnen. Ja, so war sie. Stifte, Schmierpapier, ein gebrauchter Radiergummi, Büroklammern – Schreibkram. Ein paar alte Briefe legte ich auf einen eigenen Stapel. Neugierig geworden brach ich die verschlossene Tür auf und staunte. Stapelweise Aufzeichnungen Manuskripte, Geschichten. In der untersten Schublade waren Tagebücher, unsortiert. Die Mutter hatte sie mir ans Herz gelegt, anvertraut, ich möge mich darum kümmern. Als Mutter starb, konnte ich mich noch nicht durchringen, den Nachlass ordentlich zu sichten. Ein Fehler.
Wahllos griff ich nach einem Tagebuch. Es hieß: „Das Jahr“ – und begann mit einem Gebet, einer Bitte:
„1. Januar …
… lass heute alles in mir neu werden. Mache alte Pflichten neu. Mache meine Liebe neu. Mache meine Sehnsucht neu. Schenke mir einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Gebannt setzte ich mich auf den alten Schreibtischsessel von Mutter und begann aufmerksam darin zu lesen. Das Jahr. Alle kamen darin vor. Zum Teil verschlüsselt. Sehr oft auch Vater, den sie nur W. nannte. Zwischen den Zeilen machte er keine gute Figur. Vordergründig blieb der Text eine Schilderung, fast ein Bericht. Wie magisch weisen ihre Zeilen immer wieder auf die Unumstößlichkeit des Bewahrens hin. Nichts darf verrückt werden. Nicht einmal die Möbelstücke, geschweige denn eine Person. Ausscheren, tun, wonach einem der Sinn steht, sich fühlen, erkennen, bekennen ...
Da kommt das System ins Schwanken. Die eingeschworene Familie. Die funktionierenden Mitglieder eines autoritären Regimes. W. dominiert die Seiten, ohne mit einem Wort offen kritisiert oder bewertet zu werden. Sie, die Ich-Erzählerin, mit dem Herz eines verspielten, klugen Kindes. Frei im Denken, in der Bewegung, in ihrem Sein. Wie einfach erscheint die Welt im Licht der unbeschwerten Kindheit. Sie ist jetzt versteckt im heiligen Gral, bewacht von einem alten Kraken, umschlungen von seinen verknöcherten Tentakeln. Gefangen.
Leise stöhne ich auf. Unbemerkt sind Stunden vergangen. Es ist kalt und dunkel. Fröstelnd schließe ich die Balkontür und schalte die Stehlampe ein. Sie funktioniert noch und spendet ein mildes Licht. Die erzählten Ereignisse werden wieder lebendig. Mein Umzug in eine WG. Kommentiert von der Mutter, abgelehnt vom Vater. Die Radikalisierung der Jugend, der Selbstmord eines Freundes … Tränen steigen auf und ich ringe sie nieder. Niemals wurde ich nach meinen Gefühlen gefragt, was in mir vorging, welche Träume ich hatte, welche Pläne ich verfolgte in meinem Leben. W. kommentiert bewertend, niemals mitfühlend.
Plötzlich werden Gesprächsfetzen mit meinem Vater lebendig. Nach meiner Erinnerung wurde immer heftig diskutiert, streitsüchtig, aggressiv. Da war er wieder, der Ekel vor der Vergangenheit, der säuerliche Geschmack verschluckter Gefühle, der unüberwindbare Drang, alles heraus zu kotzen. Auf den sauberen Fußboden, vor die Füße von W.. Mutter war nie wirklich frei und unbeschwert. Sie trug Last. Große Last. Sie wurde immer kleiner, zarter, unsichtbarer … Nur noch ängstlich, ätherisch konnte sie die Szenerien der Familie beobachten. Sie sprach nicht mehr viel, aber sie schrieb.
Damals stoppte auch ich meinen Freiheitsdrang, begann zu vermitteln, zu besänftigen, zu beschönigen. Oft wuchs die Spannung solange, bis W. lautstark das Zimmer verließ. Im Tagebuch finden sich dann Sätze wie: „Immer wieder gibt es Streit zwischen Rosa und W.. Rosa bemüht sich die Lage im Griff zu behalten. Sie ist doch meine brave Tochter.“ Am Ende des Tagebuchs „Das Jahr“ zitierte sie noch einmal das Gebet. „Ich bin nicht neu geworden, meine Liebe wie tot. Keine Sehnsucht mehr. Doch schenke mir einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Versteinert klappe ich das Buch zu. Welche Jahre folgen noch? Will ich überhaupt weiter lesen?
Im Kühlschrank fand ich ein Stück Käse, Butter und Milch. Ich schnitt mir eine Scheibe Schwarzbrot ab und setzte mich. Vater hatte sein Leben in andere Hände gelegt – alles wohl geordnet. Nichts von dem früheren Chaos, der sympathischen Unordnung war noch zu finden. Keine zerlesene Zeitung, kein offenes Buch, keine Notenblätter auf dem Flügel. Da standen jetzt frische Blumen und eine gerahmte Fotographie. Das Geschirr im Schrank sorgfältig sortiert. Wo war die alte Tasse ohne Henkel – meine Lieblingstasse? Wo waren der einsame Wurstrest im Kühlschrank, der benutzte Milchtopf, der Schutz, der Windschatten der Familie?
Das Brot schmeckte köstlich, aber nicht nach Kindheit. Ich stellte das Radio an – wie früher: Es lief klassische Musik. Ich erkannte den Walzer von Chopin sofort. Den hatte Mutter auch gespielt. Erinnerungen können einem nicht geraubt werden. Der Tag verschwindet. Jetzt aus dem Schatten des Greises treten. Seine Hand reicht nicht mehr weit.


Die Poesie der Gestalt – geboren mit zarter Haut
edition maya
124 Seiten
ISBN 978-3-930758-50-0
Preis: 12.80 Euro


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